Als die Online-Plattform Temu Ende 2022 ihren Einstieg in internationale Märkte vollzog, rechneten nur wenige mit den weitreichenden Folgen für den globalen Handel. Innerhalb kurzer Zeit entwickelte sich das Unternehmen zu einer stark genutzten Einkaufsplattform. Gründe dafür sind vor allem sehr niedrige Preise, ein außergewöhnlich breites Sortiment sowie eine Logistikstruktur, die eng miteinander verzahnt ist. Viele stellen sich daher die Frage, wie es gelingt, Waren aus unterschiedlichen Regionen häufig günstiger anzubieten als klassische Händler. Hinter diesem System steht ein komplexes Netzwerk aus Produzenten, Lagerstandorten, Transportdiensten und Zustellpartnern, die gemeinsam dafür sorgen, dass Bestellungen bis zur Haustür gelangen.
Der schnelle Erfolg von Temu hat nicht nur das Einkaufsverhalten verändert, sondern auch deutliche Auswirkungen auf internationale Lieferketten gezeigt. Durch eine konsequente Preisstrategie und den Versand einzelner Bestellungen direkt an Endkunden entstand innerhalb weniger Jahre ein enormes Paketvolumen. Plattformen wie Shein verfolgen ein ähnliches Konzept und tragen ebenfalls zu dieser Entwicklung bei. Die Folgen sind in mehreren Bereichen sichtbar, etwa im Luftverkehr, bei Zollprozessen und in der Zustellung auf der letzten Strecke.
Ein zentraler Punkt liegt in der Versandstrategie vieler Anbieter aus China. Anstatt große Warenmengen gesammelt an regionale Lager zu schicken und dort weiterzuverteilen, werden zahlreiche Bestellungen einzeln direkt aus Asien an Käufer in Europa und Nordamerika verschickt. Dieses grenzüberschreitende Modell führt dazu, dass selbst kleine Artikel wie Handyhüllen, Kleidung oder Küchenzubehör jeweils separat verpackt und versendet werden. In vielen Fällen erfolgt der Transport per Flugzeug, wobei jede Sendung für einen einzelnen Empfänger bestimmt ist.
Geschäftsmodell von Temu: Marktplatz statt Hersteller
Temu gehört zum chinesischen Konzern PDD Holdings, der auch die bekannte Plattform Pinduoduo betreibt. Im Kern funktioniert Temu als digitaler Marktplatz, der Käufer direkt mit Verkäufern verbindet, die überwiegend aus China stammen. Das Angebot umfasst zahlreiche Kategorien, darunter Mode, Haushaltsprodukte, Elektronik, Kosmetik und Sportartikel.
Im Gegensatz zu klassischen Einzelhändlern betreibt Temu keine eigenen Produktionsstätten und hält nur selten eigene Lagerbestände. Die Plattform übernimmt vielmehr die Rolle eines Vermittlers und koordiniert gleichzeitig die logistischen Abläufe zwischen den beteiligten Akteuren. Diese Struktur sorgt dafür, dass Produkte ohne große Zwischenstufen direkt zum Kunden gelangen.
Durch dieses Modell kann Temu sehr niedrige Einstiegspreise anbieten. Gleichzeitig entsteht ein System, in dem Verkäufer Teil eines größeren Netzwerks werden, das auf Effizienz und hohe Stückzahlen ausgelegt ist. Dieses Prinzip zieht sich durch die gesamte Lieferkette und bildet die Grundlage für die Preisgestaltung.
Wachsende Paketmengen in Europa und den USA
Aktuelle Zahlen zeigen deutlich, wie stark dieses Modell den internationalen Warenverkehr beeinflusst. Nach Angaben der Europäischen Kommission wurden im Jahr 2024 rund 4,6 Milliarden Pakete mit einem Warenwert unter 150 Euro in die EU eingeführt. Im Vergleich zu 2022 entspricht dies etwa einer Vervierfachung. Der überwiegende Teil dieser Sendungen stammt aus China, wobei Plattformen wie Temu einen erheblichen Anteil daran haben.
Auch auf nationaler Ebene wird das Ausmaß sichtbar. In Deutschland werden täglich Hunderttausende Pakete über Anbieter wie Temu und Shein abgewickelt. Dieses Volumen erreicht inzwischen eine Größenordnung, die mit etablierten Versandstrukturen vergleichbar ist und die vorhandene Infrastruktur stark beansprucht.
Ein ähnlicher Trend zeigt sich in den Vereinigten Staaten. Dort wurden im Jahr 2024 mehr als eine Milliarde Sendungen über eine Regelung abgewickelt, die zollfreie Einfuhren bis zu einem bestimmten Warenwert erlaubt. Noch wenige Jahre zuvor lag die Zahl deutlich niedriger. Ein großer Teil dieser Lieferungen stammt aus dem Umfeld chinesischer Online-Plattformen, die diese Möglichkeit gezielt einsetzen, um Produkte ohne umfangreiche Zollabwicklung in den Markt zu bringen.

Belastung der Logistik durch steigende Sendungsmengen
Die Auswirkungen auf die globale Logistik sind vielfältig. Besonders deutlich wird dies im Bereich der Luftfracht. Die hohe Nachfrage nach grenzüberschreitenden Einzelversendungen führt dazu, dass ein erheblicher Teil der Transportkapazitäten für E-Commerce genutzt wird. In Spitzenzeiten kann ein großer Anteil der verfügbaren Frachtplätze durch solche Sendungen belegt sein. Dies führt zu Engpässen und steigenden Preisen, wodurch andere Unternehmen Schwierigkeiten bekommen, ihre Waren zu transportieren.
Auch die Zollbehörden stehen vor großen Herausforderungen. Trotz vereinfachter Verfahren für kleinere Sendungen führt die enorme Menge an Paketen zu einem erheblichen Arbeitsaufwand. Kontroll- und Prüfprozesse geraten an ihre Grenzen, was nicht nur Verzögerungen verursacht, sondern auch Risiken im Bereich Produktsicherheit mit sich bringt. Als Reaktion darauf werden in der Europäischen Union Änderungen im Zollsystem vorbereitet, die unter anderem eine Anpassung der bisherigen Freigrenzen vorsehen.
Auswirkungen auf die Zustellung im Inland
Nicht nur internationale Transporte sind betroffen, sondern auch die Zustellung innerhalb der einzelnen Länder. Viele Sendungen werden über nationale Postdienste zu sehr niedrigen Pauschalen ausgeliefert, die häufig unter den tatsächlichen Kosten liegen. Dies führt dazu, dass Zusteller täglich eine große Anzahl an Paketen bearbeiten müssen, ohne dass die Vergütung den Aufwand vollständig abdeckt.
Die Folgen sind deutlich spürbar: Verteilzentren arbeiten an ihrer Kapazitätsgrenze, das Personal steht unter hohem Druck, und die Zahl der Rücksendungen nimmt zu. Besonders in städtischen Regionen kommt es vermehrt zu Problemen wie wiederholten Zustellversuchen, überfüllten Briefkästen und einer insgesamt sinkenden Servicequalität.
Logistik nach Bedarf: Wie Temu Lagerkosten gezielt reduziert
Ein zentrales Merkmal im Logistiksystem von Temu ist das sogenannte C2M-Prinzip, also „Consumer to Manufacturer“. Während im klassischen Einzelhandel häufig große Warenmengen im Voraus produziert und eingelagert werden, folgt Temu einem anderen Ansatz. Hier steht die tatsächliche Nachfrage im Mittelpunkt. Produktion und Versand werden vor allem dann angestoßen, wenn ein konkretes Kaufinteresse oder eine reale Bestellung vorliegt.
Grundlage dafür ist die laufende Auswertung von Kundendaten. Temu erkennt anhand des Nutzerverhaltens, welche Produkte gefragt sind, und leitet diese Informationen direkt an die beteiligten Hersteller weiter. Dadurch entsteht eine enge Verbindung zwischen Nachfrage, Fertigung und Versand. Waren werden also nicht in großen Mengen auf Verdacht gelagert, sondern stärker an reale Kaufimpulse gekoppelt.
Dieses Modell bringt mehrere wirtschaftliche Vorteile mit sich. Da weniger Produkte unverkauft in Lagern liegen, sinken die Kosten für Lagerfläche und Bestandsverwaltung. Gleichzeitig wird das Risiko überschüssiger Waren deutlich reduziert. Für die Plattform bedeutet das geringere Ausgaben entlang der Lieferkette, was sich wiederum in niedrigen Verkaufspreisen widerspiegeln kann.
Der Ansatz ist nicht völlig neu, gewinnt aber zunehmend an Bedeutung. Bekannt wurde dieses Prinzip zunächst durch Anbieter aus dem Bereich Fast Fashion, darunter auch Shein. Inzwischen zeigt sich, dass auch Temu dieses Modell aufgreift und weiter ausbaut. Dadurch verändert sich die Struktur globaler Lieferketten spürbar: Weg von klassischer Vorratshaltung, hin zu stärker nachfrageorientierten Abläufen.
Überblick über die Lieferkette von Temu: Vom Hersteller bis zum Kunden
Die Logistikstruktur von Temu ist in mehrere klar definierte Schritte unterteilt. Vom Ursprung der Produkte bis zur Zustellung beim Endkunden greifen verschiedene Prozesse ineinander. Im Folgenden wird der Ablauf entlang der gesamten Lieferkette dargestellt.
Herkunft der Produkte: Von der Produktion zu Sammelzentren
Ein großer Teil der angebotenen Waren stammt von Herstellern und Großhändlern in China. Diese liefern ihre Produkte zunächst an zentrale Sammelstellen, in denen die Waren gebündelt, sortiert und für den Weitertransport vorbereitet werden. Diese Einrichtungen bilden die erste wichtige Station innerhalb der Lieferkette.
Verkäufer arbeiten eng mit der Plattform zusammen, um größere Warenmengen effizient an diese Zentren zu liefern. Dabei stehen unterschiedliche Möglichkeiten zur Verfügung: Einige Anbieter lagern ihre Produkte direkt in Einrichtungen von Temu, während andere ein Modell verfolgen, bei dem Waren erst bei Bedarf produziert werden. Beide Ansätze tragen dazu bei, die Abläufe flexibel zu gestalten.
Internationaler Transport: See- und Luftfracht
Sobald die Produkte gesammelt wurden, beginnt der Transport in die jeweiligen Zielregionen. Dabei setzt Temu auf eine Kombination verschiedener Transportwege.
- Seefracht: Für größere Sendungen oder weniger dringende Bestellungen wird häufig der Transport per Schiff gewählt. Diese Variante ist kostengünstig, erfordert jedoch mehr Zeit.
- Luftfracht: Wenn eine schnellere Lieferung gewünscht ist, erfolgt der Versand per Flugzeug. Diese Option wird vor allem bei zeitkritischen Bestellungen eingesetzt.
In beiden Fällen arbeitet die Plattform mit erfahrenen Logistikunternehmen zusammen, die sich auf internationale Transporte spezialisiert haben. Die Waren legen dabei oft lange Strecken über mehrere Kontinente zurück, bevor sie ihr Ziel erreichen.

Regionale Lager: Verteilung in Zielmärkten
Ein wichtiger Bestandteil der Logistikstrategie ist der Aufbau regionaler Lagerstandorte. Neben den Hauptzentren in China betreibt Temu auch Verteilzentren in wichtigen Absatzmärkten, darunter Europa, die USA und Teile Asiens.
In Europa wird beispielsweise angestrebt, einen Großteil der Bestellungen direkt aus regionalen Lagern zu versenden. Dadurch verkürzt sich die Lieferzeit deutlich. Statt mehrerer Wochen dauert die Zustellung in vielen Fällen nur noch wenige Tage.
Diese Lager werden vor allem mit stark nachgefragten Produkten bestückt. Durch die Nähe zum Endkunden lassen sich Transportwege verkürzen und Abläufe beschleunigen.
Zustellung auf der letzten Strecke
Der letzte Abschnitt der Lieferkette umfasst die Auslieferung an den Kunden. In dieser Phase arbeitet Temu mit verschiedenen Versanddienstleistern zusammen. Dazu gehören internationale Anbieter sowie nationale Post- und Paketdienste wie FedEx, UPS oder lokale Zustellunternehmen.
Nach der Ankunft im Zielland und der Abwicklung der Zollformalitäten übernehmen diese Partner die Auslieferung. Die Bestellung wird dann direkt an die angegebene Adresse zugestellt.
Viele Sendungen lassen sich über ein Tracking-System verfolgen. Kunden können den aktuellen Status ihrer Lieferung einsehen und nachvollziehen, wann das Paket voraussichtlich eintrifft. Dies sorgt für mehr Transparenz im gesamten Prozess.
Kostenloser Versand mit Einschränkungen: Wie Temu auf externe Logistikpartner setzt
Ein zentrales Versprechen von Temu ist der oft angebotene kostenlose Versand. Hinter diesem Angebot steht jedoch ein durchdachtes System, das stark auf große Versandmengen und gebündelte Transporte setzt. Produkte werden häufig gemeinsam in größeren Sendungen von Asien in die Zielregionen transportiert. Dadurch sinken die Kosten pro einzelner Bestellung deutlich. Für Käufer bedeutet dies zwar keine zusätzlichen Versandgebühren, jedoch häufig längere Lieferzeiten.
Wer eine schnellere Zustellung wünscht, kann in vielen Fällen eine kostenpflichtige Versandoption wählen. Dabei entstehen zusätzliche Gebühren, da schnellere Transportwege oder Lager in der Nähe des Zielorts berücksichtigt werden. Dieses Vorgehen zeigt, dass niedrigere Preise oft mit Kompromissen bei Geschwindigkeit oder Service verbunden sind. In manchen Fällen betrifft dies auch Rückgabeprozesse, die nicht immer den Erwartungen in allen Regionen entsprechen.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Zusammenarbeit mit externen Dienstleistern. Temu betreibt nur begrenzt eigene Logistikstrukturen und arbeitet stattdessen mit verschiedenen Partnern zusammen. In Europa erfolgt dies beispielsweise über Anbieter wie Packlink, die Lagerung und Versand innerhalb der Region unterstützen. Solche Kooperationen tragen dazu bei, dass Waren näher am Endkunden zwischengelagert werden können und Lieferwege kürzer ausfallen.
Auch in den Vereinigten Staaten nutzt Temu bestehende Netzwerke. Unternehmen wie WINIT oder Easy Export stellen Lagerflächen und Versandlösungen bereit. Dieses Modell ähnelt bekannten Konzepten, bei denen Händler ihre Produkte direkt in regionalen Lagern lagern können, um Bestellungen schneller abzuwickeln.
Durch die Auslagerung wichtiger logistischer Prozesse spart Temu eigene Investitionen in Infrastruktur. Gleichzeitig entsteht eine gewisse Abhängigkeit von der Leistungsfähigkeit der beteiligten Partner. Bei sehr hohen Bestellmengen oder unerwarteten Problemen, etwa bei der Zollabwicklung oder in der Zustellung, kann dies Auswirkungen auf die Lieferzeiten und die Planbarkeit haben.
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